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Das Slow-Book-Manifest

Ist das Buch eine aussterbende Spezies? Der Buchmarkt sagt nein, denn jährlich erscheinen immer noch erstaunliche Mengen an Büchern. Allein am deutsprachigen Markt kann man sich über rund 75.000 Neuerscheinungen jährlich freuen. Doch das Bild trübt sich, wenn man sich die Verkaufszahlen ansieht. Nur wenige Bücher können sich größerer Absätze erfreuen, niedrige dreistellige Verkaufszahlen sind die Regel. Ob der Trend zum Zweitbuch anhält, erscheint fraglich. Schlimmer, wir müssen uns der Tatsache stellen, dass sich das Buch in ein Wegwerfprodukt verwandelt hat. Praktisch bei jedem Buch, das die Druckerei verlässt, muss man davon ausgehen, das es umgehend in den Altpapiercontainer wandert. Wir müssen uns auch von der antiquierten Ansicht verabschieden, dass jedes gekaufte Buch auch gelesen wird. Nur mehr wenige wagen es, bei ihrer Büchersammlung von einer Bibliothek zu sprechen. Man bewahrt eine Handvoll Bücher oft aus dekorativen Gründen, aber das Büchersammeln kann man als aussterbendes Gewerbe bezeichnen.

Ich weiss nicht, wieviele Menschen noch ein Buch zu Hause einstellen, um sich eines oder mehrere Gedanken zu erhalten. Machen wir uns nichts vor, die Wertschätzung des Buches beginnt sich aufzulösen. Das Buch wurde in die Mühlen der Wegwerfgesellschaft eingezwängt und zu einer ökologischen Entsorgungsproblem reduziert. Mit etwas Glück wird das eine oder das andere Buch gelesen, aber mit Sicherheit danach entfernt. Die digitale Revolution "befreite" das Buch weitgehend vom diesen Schicksal. Aber reduziert auf Bits and Bytes genügt es jetzt, einfach auf den Löschknopf zu drücken. Man muß es akzeptieren: Durch die Digitalisierung verschwindet das Buch ins digitale Nirvana, jetzt virtuell genannt, und verliert die Sichtbarkeit und Griffigkeit. Der Leser geht der haptische Genuß des Umblätterns und des Papiers verlustig. Gleichzeitig geht dem Leser die Präsenz des Textes verloren. Der Text taucht im E-Book aus dem Nichts auf und verschwindet.

Lesen ist aber mehr. Lesen bedeutet das Versenken in den Text. Egal ob man in die Welt einer Erzählung eintaucht oder den Verwicklungen eines Essays folgt, diese Form des Lesens verlangt das Vorhandensein des gesamten Textes. Das Bild einer Seite oder das Vor- und Rückblättern lassen sich nicht durch einen kleinen Bildschirm ersetzen. Das richtige Lesen verlangt nach einem richtigen Buch und nicht nach einem flüchtigen Aufblitzen eines ebenso flüchtigen Textes. Das richtige Lesen belebt. Ein gedrucktes Buch braucht Zeit, man muß sich dem Buche widmen. Es verlangt nach einem angestammten Platz im Tagesablauf und es braucht Raum. Durch seine physische Präsenz bleibt das Buch gegenwärtig und greifbar, vom vorhandenen ästhetischen Aspekt soll hier nicht gesprochen werden.

Werden wir wieder den Qualitäten des Buches bewusst. Es bildet gleichsam einen Notausgang aus der digitalisierten Medienwelt. Es befreit uns von der Flut der Bilder und dem Meer der Töne. Das Buch lässt uns selbst imaginäre Welten bauen. Diese Kunst, in früheren Zeiten Fantasie genannt, muß wiedererweckt werden. Es ist so einfach: Keine Technologien notwendig, nur simples Lesen genügt. Hören wir auf, Fantasie an technische Geräte zu delegieren. Denn eines sollten wir bedenken: Wenn ein gigantischer Stromausfall unser digitales Gedächnis auslöscht, bleibt uns noch das Buch. Hören wir auf, das Buch auf reinen Text zu reduzieren. Beginnen wir zu lesen. Lasst uns eine Slow-Book-Kultur entwickeln!

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